Architektur
Assouè
ist in Panik. Er ist vor kurzem aus Ghana zurückgekehrt, hat sich
ein Häuschen mit Wellblechdach gebaut und seinen Jugendschwarm
Katiana geheiratet. Aber Katiana droht mit der Scheidung. Es ist März.
Trockenzeit. Heiß. Katiana kann unter dem Dach nicht schlafen
und auch aus dem Hof entweicht die Hitze nachts nicht. Entweder Assouè
unternimmt etwas oder sie geht. Assouè ruft seine Brüder
und Verwandten zusammen. Bald ist aus dem Wellblechdach ein normales
flaches Lehmdach geworden, auf dem sie schlafen können. Es wird
April und die ersten Regenschauer ziehen auf. Assouè und Katiana
verlagern ihre Schlafstätte ins Innere. Eines Nachts macht es ein
tropfendes Geräusch. Kurz darauf liegt die halbe Decke zu ihren
Füßen. Katiana lässt sich scheiden.
So
ungefähr könnte ein Schicksal im heutigen Tiébélé
lauten. Ihre Architektur hat die Kassena in Burkina berühmt gemacht,
aber auch in Tiébélé gilt es heute als modern ein
Wellblechdachhaus zu haben. Ob diese "moderne" Art der Architektur
sich letztlich durchsetzen kann, wird sich in den nächsten Jahren
zeigen.
Das
typische Kassena-Gehöft besteht aus eckigen und runden Lehmhäusern
mit Flachdächern. Die Häuser werden durch einen Viehhof, Getreidespeicher
und Koch- und Waschnischen ergänzt. Das Gehöft ist von einer
Mauer umgeben und der Eingang befindet sich immer im Westen.
Ein
Gehöft wird von Menschen mit mehr oder weniger nahen Verwandtschafts-
und Allianzbeziehungen bewohnt. Junge Männer und Ehepaare wohnen
in den eckigen Häusern, alte Paare und Kinder in den Rundhäusern.
Die Dachterrassen dienen zum Getreidetrocknen und als Schlafstätten
in der heißen Trockenzeit. Wird ein Junge in der Familie erwachsen,
baut er sich ein neues eckiges Haus. Stirbt ein Mann, wird sein Haus
oft nach Regenschäden in der Regenzeit nicht mehr ausgebessert
und verfällt. So ist ein Kassenagehöft immer im Wandel begriffen.
Wird ein Mädchen erwachsen, zieht es in das Gehöft ihres Mannes.
Da
die Kassena früher oft angegriffen wurden, haben die Rundhäuser
ihren Schutzcharakter beibehalten. Der Eingang zu einem Rundhaus ist
nur einen halben Meter hoch. Bevor man in den eigentlichen Raum tritt,
muss man zusätzlich noch über eine 50cm hohe Mauer klettern,
die kurz hinter dem Eingang liegt. Dies schützte die Kassena vor
Attacken der Angreifer und erlaubt ihnen, einem Eindringling ins Haus
kurzerhand dessen Kopf abzuschlagen.
Wandmalerei
„Und
was ist das?“ Assaloue springt aufgeregt von einer Wand zur andern.
„Erkennst du’s nicht? Das sind coro
ne, Hühnerspuren!“ - „Ah ja“, antworte ich.
„Hier steht’s ja auch!“, und deute auf mein neuerworbenes
Kassimbuch. „Und das?“ Er ist schon wieder an einer anderen
Wand. „Hm, sind das Kalebassenscherben?“ - „Ja! Gut
gelesen!“ Mist, er hat’s gemerkt. „Und siehst du die
Hirseblätter?“ - „Ja klar“, antworte ich selbstbewusst,
rappele mich von meinem Hocker auf und gehe zielstrebig auf die Wand
vor mir zu. „Hier!“ - „Nein, das sind doch Nereblätter,
sun-zaga!“ - „Ja das hast du doch gefragt, oder?“
Ihm kann man wirklich nichts vormachen. Es dauerte noch einige Zeit,
bis ich alle Formen richtig deuten konnte, aber zum Glück haben
ja mitleidige Menschen ein Buch darüber verfasst. Sie wussten wohl,
dass ein Europäer immer alles erst gelesen haben muss, bevor er
es sich merken kann. Und vor allem schienen sie Assaloue gekannt zu
haben und das Gefühl, wie es ist, vor einem 10 jährigen Jungen
sein Ansehen zu verlieren.
Die
Frauen der Kassena sind für die Dekoration der Häuser zuständig.
Sie benutzen dazu schwarze Farbe, die aus Graphitpulver und Wasser gemischt
wird, sowie weiße Farbe, die mit Hilfe von Specksteinen gewonnen
wird. Die Farbe wird auf einen roten Untergrund aus Lehm, Wasser und
Nere-Schoten aufgetragen. Heute wird aber auch immer häufiger Teer
anstelle von Lehm verwendet. Als Motive dienen Muster und Symbole, die
entweder dem Alltagsleben oder der religiösen Symbolik entnommen
sind.
Beliebte
Dekorationen sind:
Kalebassenscherben,
da die Kalebasse die Kassena-Frau durch ihr gesamtes Leben begleitet
und auch nach ihrem Tod noch religiöse Funktionen hat.
Fischernetze, weil der Fischfang die Kassena vor einer
Hungersnot rettete und das Fischernetz vor allem die Kinder daran erinnern
soll, wie wichtig diese Tätigkeit ist.
Hühnerspuren, die daran erinnern, dass das Huhn
eines der wichtigsten Opfertiere der Kassena ist.
Schildkröten: die Schildkröte ist das Totem
der königlichen Familie. Mitgliedern der Familie ist es untersagt
ihr Fleisch zu essen.